Oktober 12, 2016
Einblicke, Verständnis, Afrika

Ich habe manchmal Momente des Einblicks. Dann verstehe ich die großen Zusammenhänge und begreife einige Ausmaße und das wahre Wesen einiger Tatsachen. Mir wird dann zum Beispiel bewusst, dass wir alle auf einem großen runden Ding sind, dass sich mit wahnsinniger Geschwindigkeit und um sich selbst drehend und ohne irgendwo festgemacht zu sein, durch den Weltraum bewegt. Diese Momente sind nicht schön, denn diese Einblicke sind meistens sehr furchteinflößend. Ich habe es schon immer gesagt: Wer keine Phobien hat, ist lediglich nicht ausreichend informiert.
Manchmal verstehe ich andere Menschen nicht. Ich meine jetzt nicht die Sprachbarriere, die mich vom allergrößten Teil der Menschheit trennt, sondern ich meine Inhalte. Die Menschen sagen dann Dinge, dich ich überhaupt nicht verstehen kann. Sie setzen Objekte oder Tatbestände zueinander in Beziehung, zwischen denen es in meiner Welt keinerlei Beziehung gibt. Nein, es gibt nicht nur keine Beziehung, es ist auch absolut unmöglich und unnötig, sie zueinander in Beziehung zu setzen.
Ich denke dann "Du dummer Arschidiot" und lächele. Es hat keinen Zweck, zu versuchen, diese Geisteskranken heilen zu wollen. Man sollte die Augen aufhalten, damit sie einem nicht - ganz ohne Vorwarnung - eine Pfanne oder einen Knorpelfisch über den Kopf ziehen, aber darüber hinaus sollte man möglichst schnell Land gewinnen. Es ist besser für alle.
Als ich ein kleines Kind war, ging ich jeden Sonntag in die Kirche rein. Da waren auch andere Kinder. Damit wir Kinder durch unsere kindischen Nervereien den erwachsenen Gläubigen nicht so stark auf den Sack gingen, mussten wir nach dem Intro immer in einen Nebenraum gehen. Da wurden dann kindgerechte Dinge gemacht. Da wurde gemalt, da wurden Geschichten aus der Bibel erzählt und manchmal wurde auch etwas gespielt. Das musste aber schön leise sein, damit die Leute nebenan nicht in ihrer Andacht gestört werden. Also haben wir zum Beispiel nie Airbags gesprengt oder Leuten Knaller auf den Arsch geklebt und dann erzündet.
Die Kindergruppe hatte Geld. Wo das herkommt, weiss ich nicht mehr. Wir haben aber auf keinen Fall jemanden ausgeraubt, um an die Kohle zu kommen, denn das wäre unchristlich und ausserdem hatten wir keine Knarren oder sowas und "Hände hoch, Du Sau, her mit der Asche" zu rufen wäre auch zu laut gewesen.
Das Geld haben wir dann nach Afrika geschickt, um den Kindern zu helfen, denen es nicht so gut ging, wie uns. Wahrscheinlich haben wir auch ein paar von diesen blöden Bildern mit reingepackt, die Kinder ständig und überall zu malen scheinen, das weiss ich nicht mehr so genau. Dann wurde das Paket mit der Post auf den schwarzen Kontinent geschickt.
Erst passierte nichts. Dann kam ein Paket. Drin war ein Brief der Dankbarkeit und ein braunes, flaches, hartes Ding. Es sah ein bisschen aus, wie ein Ochsenziemer, aber das wusste ich damals noch nicht, denn ich war ein unschuldiges Kind ohne Genitalwissen.
In dem Brief stand, dass die Kinder sich sehr über das Geschenk gefreut hätten und als Dankeschön haben sie uns die Frucht des Johannisbrotbaumes geschickt. Die könnte man super als Rassel benutzen, stand da. Ich schüttelte das Ding und es rasselte. Es rasselte aber nicht besonders gut. Die kommerziellen Rasseln in unserem Arsenal rasselten wesentlich besser und sahen auch nicht so eklig aus. Ich fand, dass wir da ein ziemlich schlechtes Geschäft gemacht hatten. Wahrscheinlich waren die Kinder aus Afrika einfach in den Wald gegangen und hatten das erstbeste Stück Schrott aufgesammelt, das sie finden konnten, um es zu uns zu schicken. Das hat Pi mal Daumen zwei Sekunden gedauert. Dann haben sie das Geld für afrikanische Süßigkeiten auf den Kopf gehauen. Ich war etwas sauer. Ich beschloss, dass ich mich nicht mehr an diesen Hilfsaktionen beteiligen würde. Aber ich hatte keine Wahl. Ich war ja nur ein Kind, dem jeder vorschreiben kann, was es zu tun und zu lassen hat, weil es nicht sehr stark und klein ist.
Heute kenne ich Leute aus Südafrika und weiss, dass die Leute da gar nicht so arm sind, wie man uns früher weismachen wollte. Man muss halt nur die richtige Hautfarbe haben.

Posted by banana at 04:31 EM | Comments (0)
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